Schlaganfall

„Akuter Schlaganfall” – Was ist zu tun?

Prof. Dr. med. René Handschu, Prof. Dr. med. Frank Erbguth

Schlaganfall - SYMPTOME

Plötzlich Schlaganfall - ERSTE HILFE
Halbseitenlähmung Puls, Atmung, Bewusstsein Prüfen
hängender Mundwinkel Lagerung
 
  • wach: erhöhter Oberkörper
  • bewusstlos: Seitenlage
halbseitige Pelzigkeit Überwachung und Betreuung
Sprachstörung Notruf: 112
Schwindel, Erbrechen  
Sehstörungen  
unsicherer Gang  

Auch wenn die Symptome wieder verschwinden sofort ins Krankenhaus!

Der Schlaganfall - ein alltäglicher Notfall.

Der Schlaganfall gehört zu den häufigsten Akuterkrankungen, und ist für 10-20% aller Notarzteinsätze verantwortlich. Ca. 180 von 100.000 Einwohnern erleiden in Deutschland jährlich einen erstmaligen Schlaganfall. Dieser ist die häufigste Ursache dauernder Behinderung und die zweithäufigste Todesursache. An den Folgen eines Schlaganfalls versterben pro Jahr über 90000 Menschen, und damit etwa 10-mal so viele wie an den Folgen von Verkehrsunfällen.

In den letzten Jahren haben zerebrovaskuläre Erkrankungen, nicht zuletzt weil ihre Folgen immense Kosten verursachen, erhöhte Aufmerksamkeit erfahren. Neue Therapien wurden entwickelt und Spezialstationen eingerichtet. Dabei hat man auch allgemein anerkannt, dass Schlaganfälle sofort und als medizinischer Notfall behandelt werden müssen.

Was ist ein Schlaganfall? Wie kommt es dazu?

Unter Schlaganfall wird eine plötzliche Durchblutungsstörung des Gehirns mit neurologischen Ausfällen verstanden. Andere Ausdrücke hierfür sind ”Apoplex”, ”apoplektischer Insult”, ”Hirnschlag” im Englischen ”Stroke” (=Schlag).

Schlaganfälle können verschiedene Ursachen haben. Etwa 80% sind so genannte "Hirninfarkte" oder "zerebrale Ischämien", die restlichen 20 % entfallen im Wesentlichen auf so genannte Hirnblutungen. Bei Hirninfarkten wird ein Gefäß im Gehirn plötzlich verschlossen und das nachfolgende Hirngewebe nicht mehr mit Sauerstoff versorgt, die Nervenzellen gehen zugrunde. Solche Verschlüsse können lokal entstehen durch Ablagerungen an der Gefäßwand im Rahmen einer Arteriosklerose. Der Gefäßdurchmesser wird immer enger (=Stenose) bis das Gefäß verschlossen ist.

Es können aber auch Teile von Gefäßwandablagerungen an der Halsschlagader oder der Aorta weggerissen und ins Gehirn gespült werden und führen dort zum Verschluss. Risikofaktoren, die die Entwicklung einer Arteriosklerose begünstigen sind Bluthochdruck, Diabetes, erhöhte Blutfette, Rauchen und auch Alkoholmissbrauch. Auch ein im Herzen entstandenes Blutgerinnsel kann ins Gehirn gespült werden und zum plötzlichen Gefäßverschluss führen. Solche Embolien aus dem Herzen (= kardiale Embolie) entstehen vor allem bei Erkrankungen mit nachfolgenden Herzrhythmusstörungen, z.B. nach Myokardinfarkt.

Etwa 15-20% aller Schlaganfälle beruhen nicht auf Gefäßverschlüssen, sondern auf Zerreißungen von Hirngefäßen, die zu einer intrazerebralen Blutung führen. Das Blut wühlt sich dabei ins Hirngewebe hinein. Aufgrund der Verdrängung und der begleitenden Schwellung kommt es wiederum zur Minderversorgung der Nervenzellen mit Sauerstoff und zum Funktionsverlust. Der bedeutendste Risikofaktor für eine Hirnblutung ist ebenfalls der Bluthochdruck. Dabei ist nicht eine einzelne Blutdruckspitze die Ursache, sondern der Schaden an der Gefäßwand durch die „Dauerbelastung” eines langjährigen Bluthochdrucks. In selteneren Fällen können auch Gefäßmissbildungen, Hirntumoren oder die Einnahme blutgerinnungshemmender Medikamente zu Hirnblutungen führen

Seltene Ursachen von Schlaganfällen (ca. 5%) sind Blutungen in die Hirnhäute (Subarachnoidalblutung, epi- und subdurales Hämatom) oder Durchblutungsstörungen in den Venen des Gehirns (Sinus- oder Hirnvenenthrombose).

Kommt es bei einem Hirninfarkt oder einer Hirnblutung zur Minderdurchblutung von Hirnzellen, werden diese durch den Sauerstoffmangel relativ rasch unwiederbringlich zerstört. Dabei ist es oft bereits nach wenigen Minuten nicht mehr möglich den innersten Bereich des betroffenen Hirnareals zu retten. In einem wesentlich größeren Randbereich der so genannten Penumbra, besteht noch eine gewisse Restdurchblutung. Gelingt es sofort eine optimale Hirndurchblutung und Sauerstoffversorgung zu erreichen, kann dieses Gewebe erhalten werden, und der Schlaganfall und seine Folgen können wesentlich geringer ausfallen.

Im umgekehrten Fall kommt es zusätzlich zu einer Anschwellung auch noch gesunden Hirngewebes (= Hirnödem) was zu weiterer Schädigung führt und sogar lebensbedrohlich werden kann.

Welche Krankheitsanzeichen treten auf?

Die Krankheitszeichen (= Symptome), die durch einen Schlaganfall hervorgerufen werden hängen ganz davon ab, an welcher Stelle des Gehirns es zu einer Durchblutungsstörung kommt, also welches Gefäß betroffen ist. Grundsätzliche Gemeinsamkeit ist das plötzliche Eintreten der Symptome, eben wie ein "Schlag aus heiterem Himmel". Dabei haben Hirninfarkte und Hirnblutungen die gleiche Symptomatik, sodass man sie ohne Computertomogramm nicht unterscheiden kann.

Am häufigsten und vielleicht am auffälligsten sind plötzliche Lähmungen (= Paresen), sichtbar als hängender Mundwinkel, schlaf herab fallender Arm oder Bein und Gefühlsstörungen wie Taubheitsgefühl oder Kribbeln. Weil das Großhirn aus zwei identischen Hälften besteht (mit jeweils einer mittleren Gehirnarterie) und der Infarkt nur eine Hälfte betrifft, sind die Symptome meist nur halbseitig (Halbseitenlähmung). Dabei ist immer die der geschädigten Hirnhälfte gegenüberliegende Körperhälfte betroffen.

Vor allem bei linksseitigen Großhirninfarkten kommt es zu Sprachstörungen (= Aphasien). Sprache wird nicht mehr verstanden, die Patienten sprechen unzusammenhängende Worte oder gar nicht mehr. Bei den meisten Menschen, auch der Mehrzahl der Linkshänder, ist nämlich das Sprachzentrum in der linken Hirnhälfte angesiedelt.

Auch Sehstörungen im Sinne von halbseitigen Gesichtsfeldausfällen oder plötzlicher Blindheit auf einem Auge können Ausdruck eines Schlaganfalls sein.

Durchblutungsstörungen im Bereich des Kleinhirns oder Hirnstamms äußern oft sich durch plötzlichen heftigen Dauerschwindel mit Übelkeit und Erbrechen sowie eine Gang- und Standunsicherheit (= Ataxie). Ebenso kommen Schluckstörungen mit auch beim wachen Patienten herabgesetzten Schutzreflexen (Würge-, Hustenreflex), eine kloßige, verwaschene Sprache (= Dysarthrie), und doppelt Sehen (wegen Lähmungen der Augenbewegung) vor. Große Hirninfarkte und vor allem größere Hirnblutungen sind oft von Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma begleitet. Diese kann rasch und unmittelbar eintreten oder sich aufgrund einer Hirnschwellung innerhalb von Stunden bis Tagen allmählich entwickeln. Ein weiteres Zeichen für einen schweren Schlaganfall kann auch eine so genannte Kopf- und Blickwendung sein, meist zur Gegenseite der Lähmung (sog. Herdblick). Treten eines oder mehrere der beschriebenen Symptome auf sollten sie immer ernst genommen werden und unverzüglich der Rettungsdienst alarmiert werden also umgehend Notruf 112. Das gilt auch, wenn die Symptome wieder verschwinden. Man nennt das "transitorische (=vorübergehend) ischämische Attacke" (TIA). Gerade dann sollten sich aber die Patienten erst recht sofort in die Klinik begeben. Auch diesen TIAs liegen nämlich prinzipiell die oben genannten Mechanismen der Durchblutungsstörung zugrunde. Sie sind Warnzeichen des Schlaganfalls, sozusagen "Wetterleuchten vor dem drohenden Gewitter". Man sollte die genaue Ursache möglichst schnell herausfinden bevor die Symptome wiederkommen und möglicherweise als dauernde Behinderung bleiben.

Was kann man bei einem akuten Schlaganfall tun?

Ziel der Akuttherapie ist es einerseits eine Verschlechterung z.B. durch Hirnödem oder Aspiration zu verhindern. Andererseits sollte eine optimale Sauerstoffversorgung bzw. Durchblutung des Gehirns sichergestellt werden, um möglichst viel Hirngewebe zu retten.

An erster Stelle der Sofortmaßnahmen steht die Überprüfung der Vitalfunktionen Atmung, Puls und Bewusstsein und wenn nötig Einleitung entsprechender Reanimationsmaßnahmen. Patienten mit Bewusstseinstrübung oder mit Verlust der Schutzreflexe (Schlucken, Husten) sind er-stickungsgefährdet und müssen in die stabile Seitenlage verbracht werden, Fremdkörper, Erbrochenes aus dem Mund- Rachenraum entfernt werden.

Wache Patienten sollten mit leicht erhöhtem Oberkörper gelagert werden (ein Kissen unter Kopf, Hals und Schultern schieben), um der Entwicklung einer Hirnschwellung vorzubeugen. Dabei sollten Kopf und Hals gerade liegen, beengende Hemdkrägen/Krawatten geöffnet werden, evtl. frische Luft zugeführt werden. Besonders wichtig sind natürlich ständige Betreuung und Überwachung des Betroffenen und beruhigender Zuspruch.

Medikamente z.B. zur Blutdrucksenkung oder eine Kopfschmerztablette, sollten zunächst nicht gegeben werden.

Entscheidend ist auch der rasche und korrekte Notruf. Jeder Schlaganfall ist ein potentiell lebensbedrohlicher Notfall der einer dringenden Behandlung bedarf, auch wenn die Symptome verschwinden. Daher möglichst direkt die Rettungsleitstelle (Telefon 112) alarmieren!

Rettungsdienst und Notarzt werden den Patienten untersuchen und überwachen, eine Infusion anlegen und ihn rasch in eine Klinik mit einer Schlaganfalleinheit und geeigneten Behandlungsstandards, wie z.B. die Kliniken des STENO-Netzwerks, bringen.

Dabei ist es wichtig, dass Angehörige möglichst genaue Angaben über frühere oder zusätzliche Erkrankungen und einzunehmende Medikamente des Patienten machen. Geben Sie auch eine Telefonnummer an, unter der Sie der Krankenhausarzt erreichen kann wenn es Fragen gibt.

Im Krankenhaus wird man so schnell wie möglich ein Computertomogramm anfertigen, um eine Hirnblutung von einem Hirninfarkt unterscheiden zu können. Besonders wichtig ist es jetzt auch Herzfrequenz, Blutdruck, Temperatur und Blutzucker gut zu kontrollieren und optimal einzustellen. Meist wird der Patienten auf einer speziellen Überwachungsstation für Schlaganfallpatienten (sog. "Schlaganfalleinheit") oder der Intensivstation aufgenommen und von einem spezialisierten Team betreut. Gleichzeitig muss man durch verschiedene Untersuchungen wie Dopplersonografie, EKG, Herzecho etc. die genaue Ursache der Durchblutungsstörung herausfinden, um die richtigen Maßnahmen zur Vorbeugung weiterer Ereignisse zu treffen.

Schwierige und unklare Fälle z.B. werden per Telekonsil dem erfahrenen Neurologen in einem der drei STENO-Schlaganfallzentren (Bayreuth, Erlangen, Nürnberg) vorgestellt. Manchmal müssen Patienten auch dorthin verlegt werden, wenn z.B. eine große intrazerebrale Blutung oder ein sehr großer Hirninfarkt eventuell einer neurochirurgischen Operation bedarf. In einigen Fällen kann auch eine Angiografie (=Darstellung der Hirngefäße) nötig sein.

Bei einem Teil der Patienten mit Hirninfarkt wird man nach sorgfältiger Überlegung und Telekonsil versuchen, das Blutgerinnsel mit einem intravenös gegebenen Medikament wieder aufzulösen (= Thrombolyse). Diese Therapie muss so rasch wie möglich gegeben werden und ist nur durchführbar, wenn sie nicht später als viereinhalb Stunden nach dem Auftreten der ersten Symptome begonnen wird. Vorher müssen mindestens ein CT gemacht und einige Laborwerte bestimmt werden. Außerdem wird der Patient durch eine Live-Videoübertragung vom Schlaganfallexperten im STENO-Zentrum und dem Arzt im Krankenhaus vor Ort gemeinsam ausführlich untersucht. So wird in der Entscheidung zur Behandlung größere Sicherheit erreicht und Mögliche Risiken auf ein Minimum reduziert. Die Behandlung wird dann sofort in der STENO-Klinik begonnen, in der sich der Patient befindet.

Man kann sich vorstellen dass eine rasche Therapie nur gelingt, wenn alle Rädchen optimal ineinander greifen: die Umgebung den Schlaganfall sofort erkennt und den Rettungsdienst ruft, der Patient nach guter Versorgung vor Ort durch Ersthelfer, Sanitäter und Ärzte rasch in die Klinik kommt und dort ein eingespieltes Team sofort die nötigen Schritte einleitet.

Der häufigste Grund, warum eine solche Therapie nicht gemacht wird, sind die Patienten und Angehörigen selbst, die zu lange warten bis ärztliche Hilfe geholt wird.

 

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e-mail: info@steno-netz.de